Das dogmatische Ei - Ion Barbu

Es ist dem tristen Volk gegeben
das taube Ei zum Tischgericht,
doch das, das birgt in sich das Leben,
ist da, dass wir's beseh‘n im Licht!

Und wie die alte, starre Welt
im dünnen Kalk sich schwimmend hält,
des neuen Ei's unschuld‘ger Schoß
ist Hochzeitstatt und Grabgeschoß.

Drei Schleier hüllen ein das Nest,
drin schläft das Weiß verschneit und fest,
so zart, so sehr in sich verschlossen,
ein teurer Leib, in Traum zerflossen.

Der Keim jedoch?
Von äußerst hoch,
vom Plus-Pol-Kamm,
wo der Erde Schlamm
nie hingereicht
schenkt er sacht
und männlich-bedacht
dem glasigen Eiweiß Fluss
den Erfüllungskuss.

*
Mensch, der du vergesslich, unbekehrbar bist,
siehst du den heiligen Geist, wie sensibel er ist;
Wie ehedem darf auch heute noch gelten:
Das Dogma erhalten die kleinen Welten.

*
Dass du sähest, am Himmel, den heiligen Geist,
wie wachend über lebendigen Wassern er kreist,
bring ich dir dieses symbolische Ei,
Mensch du, vergessliches Einerlei.

Nicht das rote Ei, nein.
Mensch, der du gierig bist, gemein,
ein Ei mit Keim
soll dir jetzt Ostergabe sein.

Heb es zur Sonne, erkenne es genauer!

*
Und vor allem aber erschaure
vor diesem gelben Münzschimmer Rund,
der Uhr, die zeigerlos läuft und
eigensinnig bestimmt die Dauer
von Ei und Welt. Also erschaure
vor diesem gelben, zwingenden Werk...

Des Todes Stirn liegt drin versenkt.

Im Eigelbkreis,
damit auch gedeiht das trächtige Weiß,
beschreibt ein Rad in uns die Dauer.
Das Dogma – ja, genauer.

*
Nochmal:
Es ist das Ei jenem tauben gleich,
doch trinkst du's, zerstörst du das Hochzeitsreich.
Auch unter die Henne sollst du's nicht tun!
Lass es im Frieden des Anfangs ruh‘n,
denn alles, was geboren, wird schuldig mithin,
nur die Hochzeit ist heilig, der Anbeginn.

Added by: Ioana D

Translator: CHRISTIAN W. SCHENK
Language: German


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