Die Krokusblume - Carmen Sylva

Graf Ulrich hat nicht Haus, nicht Land,
Sein Vater tot, seine Burg verbrannt,
Ihm ward das Letzte geraubt.
Sein ist der Schmerz, das Schwert in der Hand
Von Braut und Glück steht er verbannt,
Jung Ulrich ist ganz entlaubt.

Er geht dahin, wie der Wandersmann,
Der sich nicht einmal rächen kann,
Am schlimmen Heribert.
Der müde, graue Tag bricht an,
Der Märzsturm braust und heult heran,
Der ihn am Mantel zerrt.

"Ich hab' nicht Heim, Gesind' noch Herd,
Ich habe nichts als mein freies Schwert,
Das muß in Dienste gehn.
Dem ist's so bitter, so ganz verkehrt,
Daß sich's an meiner Seite wehrt,
Es will mich nicht verstehn!"

In schwarzen Wolken blut'ges Licht,
Wie Brand durch Rauches Säulen bricht,
So wie der Väter Schloß.
Es strahlt um Ulrichs bleich' Gesicht,
Verklärt die Locken, blond und dicht,
Die Augen blau und groß.
Da stöhnt's ganz nah, im wüsten Feld:
"Ach Gott! allein in ganzer Welt!
Ach! Gott! Ein Engel naht!
Mich hat ein gift'ger Dolch gefällt!
O heil'ger Engel! Komm! Es stellt
Der Tod sich auf den Pfad!

Ich sterb'! Und kein Viatikum!
Ich brachte viele Leute um!
Ich sterb'! Und kein Verzeihn!
O lichter Engel! Sei nicht stumm!
Ich hab' verwüstet rund herum!
Nun sterb' ich ganz allein!"

Herr Ulrich prallt entsetzt zurück:
Graf Heribert! Will's so das Glück?
Der Feind in seiner Hand?
Sein Kleid zerreißt der Stück um Stück,
Im Grase grabend, welch Gepflück!
Er hat ihn nicht erkannt!

"O Engel Gottes! Wiss'! Ein Kind
Hat heut nicht Hof, nicht Ingesind,
Den Vater schlug ich tot!
Noch brennt die Burg! Nun werd' ich blind!
Kein Wegzehr! Wie die Sünder sind,
Muß ich vor meinen Gott!"

Herrn Ulrich wird das Herze heiß,
Das Auge feucht, die Lippe weiß,
Er kniet und betet sehr:
"O Gott! Nimm mir den Racheschweiß!
Laß rein mein Herz! Tauch mich in Eis!
Lehr mich verzeihen, Herr!

Und wenn der letzte Groll verbannt,
Dann leg' du , Gott, mir in die Hand
Dein heilig' Abendmahl!
Erquickt soll er von Seelenbrand,
Nicht sündig mehr, vom Erdenland
In Deinen Himmelssaal!"

Auf dürrer Heide! Sieh! Da sprießt
Goldgelb ein Krokuskelch, der schließt
Den Regentropfen ein,
Der aus der Sturmeswolke schießt:
Und statt dem Regentropfen fließt,
Wie Blut, drin roter Wein.

Jung Ulrich hebt die Hand, er schlägt
Den Mantel um das Blümlein, trägt
Es sanft zum grausen Feind.
Und wie er's an die Lippen legt:
"Dies ist sein Blut!" spricht er, "nicht wägt
Die Sünde Gott, die weint!

Er sendet dir sein heilig Blut,
Durch reine Hand und reinen Mut,
Der Kelch, die Blume zart!
Geh hin! Dich wäscht der Tropfen gut,
Besser als Tränenmeer'sflut,
Da dir Vergebung ward!"

Wie strahlend das Gesicht erblaßt,
Hat Ulrich ihn im Arm gefaßt,
Drückt ihm die Augen zu,
Deckt mit dem Mantel ihn in Hast,
Und trägt von hinnen nun die Last,
Zur fernen Friedhofsruh'.

Den Krokus in den Lippen leicht,
Ein Kirchlein abends er erreicht,
Das Blümlein frisch erblüht,
Er zieht am Glockenstrang, da schleicht
Weißhaarig her der Pfarr'r, -- der weicht
Zurück, wie den er sieht,

Den also sanft der Knabe trägt,
Vom Antlitz ihm den Mantel schlägt:
"Seid ihr denn Ulrich nicht?
Dem, der sein Gut in Schutt gelegt,
Die ganze Habe weggefegt,
Traf den das Srafgericht?"

Wortlos schritt Ulrich zum Altar,
Und brachte seine Blume dar,
Und schwur den heil'gen Eid:
"Die Hand, die einmal heilig war,
Bleibt ewig rein, der Sünde bar,
Die sei nur Gott geweiht!

Ich durfte Gottes Bote sein,
Er wählte mich, Er fand mich rein!
Zum Kreuze wird meim Schwert!
Die Blume mit dem heil'gen Wein,
Die soll der Kelch von Golde sein,
Und ich des Wunders wert!"

Added by: Ioana D

Translator: Christian W. Schenk
Language: German


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